“Zum Andenken an uns alle” | Geniale Genealogie

Als ich die Bettlade in der Wohnung meiner verstorbenen Urgroßeltern öffnete, stellte sie sich als Fundgrube heraus: unzählige (Familien-)Fotos aus verschiedenen Jahrhunderten kamen zum Vorschein. Ein Foto aus dem Jahr 1929 zeigte eine Gruppe von Menschen bei der Kantine des alten Freibades. Als ich es umdrehte, stand da: “Zum Andenken an uns alle”. 

Die Eltern meines Uropas, also meine Ururgroßeltern verstarben an der Spanischen Grippe – das war alles, was ich über sie wusste. Ich wollte mehr über sie erfahren. Ein Wunsch der dadurch, dass wir uns – wie vor 100 Jahren – in einer Pandemie befinden, umso drängender wurde. Außerdem wollte ich wissen, wer all die auf den Fotos abgebildeten Menschen waren. 

Es ist mir gelungen, zwar nicht alle Namen der Dargestellten zu rekonstruieren (wie auch?), aber einige zuzuordnen und dadurch begannen sich neue Welten zu eröffnen. Ich konnte inzwischen auch herausfinden, wie meine Ururgroßeltern geheißen, wo sie gelebt, was sie gearbeitet haben und wann sie gestorben sind. Bonus: ich kenne nun auch die Namen ihrer Eltern und Großeltern, demnach auch meine Vorfahren aus dieser Linie. Das alles dank der genialen Genealogie, der privaten Ahnenforschung! 

 

Während ich weiß, dass ich nicht alles abdecken kann und ich keine Expertin auf dem Feld der Ahnenforschung bin, möchte hier gerne alle Adressen sammeln, die mir bei der Spurensuche weitergeholfen haben. Vielleicht ist ja das Ein oder Andere auch für dich hilfreich auf der Reise in der Vergangenheit? 

 

Forschung

1. Die Menschen fragen, die am Leben sind und Auskunft geben können. [Wäre bezüglich der Bettlade auch der Idealfall gewesen. (Aber wie soll man nach etwas fragen, von dem man nicht weiß, dass es das gibt?)]

2. Internationale (kostenpflichtige) Ahnenforschungsprogramme wie AncestryMyHeritage,  und FamilySearch bieten Möglichkeit ihre Datenbanken zu durchforsten und online einen Stammbaum zu erstellen.

Ich habe alle ausprobiert: Bei Ancestry bevorzuge ich das Stammbaum-Tool (die Match-Funktion mit anderen User-Stammbäumen ist großartig); MyHeritage und FamilySearch haben mir über die Suchfunktion viele brauchbare Daten geliefert. 

3. Für analoge Stammbaum-Erstellung, gibt's zum Beispiel die Manufactum Familienchronik

3. Kirchenbücher (Tauf-, Trauungs- und Sterbebücher), auch Matriken oder Matrikel genannt, aus Österreich, Bosnien und Herzegowina, Deutschland, Italien, Luxemburg und Serbien und Slowenien sind online abrufbar! Seit 1938 sind bei einigen Gemeinden für Personenstandseintragungen ausschließlich die staatlichen Standesämter zuständig – was uns zum nächsten Punkt bringt: 

4. Standes- und Meldeämter (für Einträge ab 1938). 

5. Grabsteine sind auch eine nicht zu unterschätzende Quelle. Die Friedhöfe Wien haben hier etwa eine Datenbank, in der man Verstorbene und deren Grabstätte suchen kann. 

6. Allgemeine Tipps und Infos: Webseite der Österreichischen Gesellschaft für Familien- und regionalgeschichtliche Forschung (ÖFR). 

7. Verlustlisten Erster Weltkrieg

9. Für Austausch und Recherche: Ahnenforschung.Net-Forum

8. Genealogiekurse (Wien), Datenbank Gen-Team und weiterführende Literatur von Ing. Felix Gundacker. 

9. Dass Spurensuche in Vergangenem auch schmerzlich sein kann zeigt der Blick auf die Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Das Buch "Ahnenforschung" (Hrsg.: VKI) behandelt unter anderem jüdische Genealogie und Fragen zu NS-Angehörigen. 

10. Adressbücher von Wien von 1859-1942, digitalisiert von der Wienbibliothek im Rathaus: "Adolph Lehmann's allgemeiner Wohnungs-Anzeiger : nebst Handels- u. Gewerbe-Adressbuch für d. k.k. Reichshaupt- u. Residenzstadt"

11. Einen spannende und unerwartete Wendung zu DNA-Vergleichen, wie sie z.B. die Datenbanken MyHeritage und Ancestry anbieten, beleuchtet die Podcast-Folge: "Schaurige Verwandtschaft" von DIE ZEIT Verbrechen

12. Wer sich dem Thema spirituell oder von psychologischer Seite her nähern und dadurch mit Vorfahren auf eine andere Art in Verbindung treten möchte, für die gibt's sogenannte Ahnen-Blessings zum Beispiel bei La Guri oder folgende Literatur: It Didn't Start With You – von Mark Wolynn, Zitat daraus: "Die Geschichte unserer Familie ist unsere Geschichte." 


(privat-)fotografie

1. Für die Sichtung von Fotos, sowie für alte Dokumente, gilt immer: behutsam und schrittweise vorgehen! Was liegt worauf? Könnte eine bestimmte Ordnung (auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht) einen Grund haben, der mir weiterhelfen kann? Sind Fotorücken, Aufbewahrungs-Kuverts oder Fotoalben beschriftet? Welche Handschrift ist es? Kommen Personen häufiger vor? Wenn ja, in welcher Konstellation? Gibt es bestimmte Fotos in mehrmaliger Ausführung und könnte diese Quantität auf die Wichtigkeit der Dargestellten Rückschluss geben? Was wurde aufbewahrt, inwieweit könnte genau das wichtig für die sammelnde Person gewesen sein? 

Ich hatte die Bettlade – sehr zum Leidwesen aller – ein halbes Jahr mitten im Wohnzimmer platziert und bin alles Schritt für Schritt unter oben genannten Gesichtspunkten durchgegangen. :D

2. Bei der Lagerung von Fotos auf stabil kühle, lichtarme und trockene (ideale Luftfeuchtigkeit 30-40%) Umgebung achten. Museen und Sammlungen bewahren Fotografien in Schachteln auf: Hierfür bieten sich etwa die Hans-Schröder-Archiv-Boxen an. Ich verwende sie zwar auch privat für mein kleines Schau-Depot, bin mir aber im Klaren, dass eine solche Nutzung eine Kostenfrage ist. 

3. Blog zur privaten Fotografie 1930-1950.  

4. Privat- und Gebrauchsfotografie als Forschungsfeld im Volkskundemuseum Wien. 

5. Online-Ausstellung: Erzählen mit und über Bilder. Von privater Fotografie, Lehrmitteln und Stereotypen.

6. Biobibliographie – eine von Timm Starl verfasste und ständig aktualisierte Datenbank biografischer und bibliografischer Daten zu Personen, Institutionen und Firmen, die im Gebiet des heutigen Österreich mit Fotografie zu tun hatten/haben.  


Dies alles gesagt, weiß ich zugleich: Ich mach immer wieder Sachen, die man laut allgemeiner Auffassung erst in der Pension macht. Aber ich werde hoffentlich mein ganzes Leben — soweit möglich — das tun „was meine Neugier von mir verlangt“ (Ende des Satzes ausgeborgt von André Heller ;)). Meine Ahnenforschungs-Exkursionen haben mich jedenfalls zu so interessanten Orten gebracht! Warum ich noch finde, dass Genealogie genial ist? Sie hat mir (paradoxerweise) dabei geholfen mehr im Moment zu leben: Sie sind es nicht mehr, aber ich bin jetzt hier


Habe ich etwas vergessen? Für Ergänzungen und Tipps hinterlasse sehr gerne ein Kommentar!

 

Danke und alles Liebe

Sophie

 

Fotos: Hanna Engelmann 

 

Alle genannten Markennamen: Werbung, unbezahlt, nicht gesponsert und selbst gekauft. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Daniela (Sonntag, 21 November 2021 08:40)

    Liebe Sophie, das sind wirklich wunderschöne Bilder und hilfreiche Quellen in deinem Text. Ich würde noch die Recherche in historischen Zeitungen hinzufügen. Ich selbst forsche im Baltikum (genauer: Lettland). Da gibt es ein umfassendes Online-Archiv: http://periodika.lv/
    Und für Deutschland wird gerade das Deutsche Zeitungsportal aufgebaut - das kann also auch noch sehr spannend werden. Liebe Grüße und viel Erfolg bei deiner weiteren Forschung! Daniela

  • #2

    Sophie (Montag, 22 November 2021 20:58)

    Liebe Daniela, danke für deinen wertvollen Input und viel Erfolg bei deiner Forschung!! Alles Liebe
    Sophie