Bitte immer der Nase nach! Über olfaktorische Genüsse und Verdrüsse

Kaum ein Kinder-Vermittlungs-Programm hat mein Leben so nachhaltig verändert wie das im Juli. 

Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - hat es so lange gedauert einen persönlichen Beitrag über das vorzubereitenden Thema  zu schreiben und online zu stellen. Oder einfach weil Sommer?! ;)

Hier ist er nun und zeigt einige Früchte meiner Recherche und meine Sicht auf das vielseitige Thema Gerüche! Sehr assoziativ das Ganze, wie sie nun mal auch sind, die Düfte. Am Ende mit Rezept-Anhang (passend zum Schul- und Uni.-Anfang). 

 

Für mehr, bitte immer der Nase nach...

 

"Ui, wie das stinkt! Mh, wie das duftet!" hat es bei mir im Juli geheißen. Also habe ich mich ganz intensiv mit verschiedenen Geruchsaspekten aus allen Epochen beschäftigt. Und das hat mein Leben - übrigens positiv - beeinflusst. (Über die Wirkung vom Schnuppern an Blumen habe ich hier schon mal geschrieben.)

Der "Kindersonntag" ist jetzt schon lange vorbei, aber die Beschäftigung mit Gerüchen und das genaue "Hinriechen" ist mir geblieben. Zwar habe ich mich schon früher mit der Wirkung des Geruchssinns in der Kunstvermittlung oder den Vorteilen von Aromatherapie beschäftigt und beduftle zuhause gerne mal die Räume mit ätherischen Ölen, sei es in der Duftlampe oder aus einem Spray - manchmal sehr zum Leidwesen von Mr. L. ("da riecht's wie im Müller"). Aber über so manche Geschichten aus der Geschichte (der Gerüche) wusste ich bislang wenig Bescheid. 

Allen Anfang machte ich bei meinen Recherche-Tätigkeiten schon im April bei der Buchpräsentation von "Der Geruch der Welt" von Paul Divjak in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur. Schon im Stiegenhaus ist einem ein schwerer, blumiger Duft in die Nase gestiegen - eine Duftinstallation vom Autor persönlich. Ein guter Einstieg: 

 

"Divjak hat als Duftexperte (er selbst bezeichnet sich sogar als Duftpoet) internationale Museen in stinkende mittelalterliche Kloaken verwandelt und den Platz vor dem Schloss Schönbrunn in einen duftenden Tannenwald verzaubert. Er transformierte den Art Space des Wiener Szene-Clubs Pratersauna mit »Strawberry Fields Forever« in ein synthetisches Erdbeerland, setzte im Jüdischen Museum in Hohenems die symbolisch-assoziative Duftinstallation »Letztes Jahr in Jerusalem« um und hat das zarte Aroma eines blühenden Orangenhains durch die New Yorker Neue Galerie wehen lassen." (edition atelier

 

"Der Geruch der Welt" lässt sich aufgrund des zitathaften Charakters und vielen Fremdwörtern unmöglich in einem Rutsch, sondern nur in einzelnen Etappen konsumieren, darum steht er jetzt bei uns am olfaktorisch vielseitigsten Ort: dem Klo.

Eine Buchrezension gibt's übrigens jetzt in der Oktoberausgabe von "Psychologie Heute", auf Seite 86. 

Wie faszinierend ist er doch, der erste Sinn! Also der, der beim Baby als erster ausgeprägt ist. Mit der Unterscheidung von über einer Billion Düfte sind wir Menschen stark von diesem "geheimnisvollsten aller Sinne" geprägt. Und das vor allem unbewusst. Unser ganzes Sein ist eigentlich eine Geruchsreise. "Jedes Atmen ist mögliches Riechen" (Paul Divjak). Darum halte ich in der Stadt öfter die Luft an; der Atem kann nicht frei fließen und der vermeintliche Gestank nicht meine Rezeptoren kitzeln. Das kann ich dann im muffigen Turnsaal beim Yoga nachholen. Tief einatmen...zum Glück wieder ausatmen. 

 

Dass Gestank aber nicht unbedingt lähmend oder hemmend sein muss und in der Nase des/r Riechenden liegt, beweisen Anekdoten aus der Geschichte, Kunst und Literatur! Die schrullige Eigenart Friedrich Schillers dürfte bekannt sein?! Seit er eines Tages unter einem Apfelbaum inmitten von fauligem Obst eingeschlafen und mit einem fertigen Gedicht in seinem Kopf aufgewacht ist, hat er es sich nicht nehmen lassen an seinen Schreibtisch eine Schale verrottender Äpfel zu platzieren. Oh, welch ein modriger Wohlgeruch! So kann einen also auch die Muse küssen... 

 

Dabei hat es in der Zeit Friedrich Schillers wohl ohnehin bestialisch gestunken (Schiller wurde 1759 geboren). Die Zeit des Barocks gilt ja nicht unbedingt als wohlriechendste: von Unrat, Schlachtabfällen, sowie Fäkalien verunreinigte Straßen, Staubwolken, Tür an Tür mit dem Tier, geringer Aufwand bei der Körperpflege und beim Wechseln der Wäsche, auch weil man dachte, dass beim Waschen Krankheiten in den Körper eindringen können. Stattdessen parfümierte man sich was das Zeug hält und besprühte sich mit Rosenwasser (TIPP!). Auch sonst hat man sich zu helfen gewusst - etwa mit den drei Ps: Pomander-Kugeln, Potpourri und Pomade. Genaueres dazu kann man bei einem Kinderprogramm auch praktisch erfahren oder hier theoretisch nachlesen. :) Am Foto unten sieht man wie mir selbst vom Gestank meiner eigens für die Vermittlung kreierten "barocken Geheimmischung" graust...

Ein Sinnesparcours, ein "Nasentheater" in Apothekergläsern.

Sehr inspirierend  für mich war es durch einen Sinnesparcours mit Riechstation auf der Safranfarm der Christine Ferrari in Marokko durchgeführt zu werden. Einem Land, wo einem ohnehin verschiedenste - auch bislang unbekannte - Düfte entgegenwehen.

Der Begriff "Nasentheater" kommt wiederum aus André Hellers "Buch vom Süden"; welches dort ein "mit Schildpatt intarsiertes Holzkästchen mit zwölf Laden" beschreibt, in das man unterschiedlichste Gegenstände legte, die der Protagonist mit verbundenen Augen am Geruch erkennen sollte. In diesem Roman spielen Düfte, Gerüche generell eine große Rolle. Auf die Frage ob der Geruchssinn im Leben unterschätzt wird, antwortete André Heller in "DiePresse": "Ja, daran scheitern wahrscheinlich 30 Prozent der Beziehungen! Darüber wird viel zu wenig geredet. Meine allererste Erinnerung ist übrigens ein Geruch, ein Keksduft in unserem Landhaus in Niederösterreich."

Meiner macht sich da etwas unangenehmer aus...immer wenn ich mich in der Nähe von bestimmten Großküchen aufhalte, steigt ein unangenehmes Gefühl und das Bild von meinem ersten Jungscharlager in mir auf, bei dem ich Heimweh hatte. So riecht also Heimweh. Nach einer Mischung aus Frittiertem, verbrauchten Lappen, Schweiß, verkochtem Gemüse, billigem Spülmittel und kondensiertem Wasser.

Dass Gerüche etwas in uns auslösen ist unbestritten. Sie sind stark an Erinnerungen gekoppelt und sie bestimmen mit ob wir etwas mögen oder nicht mögen. Sie können über die Wahl unserer sozialen Kontakte bestimmen ("jmd. riechen oder nicht riechen können"), unsere Kaufentscheidungen in Geschäften beeinflussen (Geruchsmarketing!), uns helfen Nahrung zu identifzieren und uns vor Gefahren schützen. Und jeder hat eine Meinung dazu!

Könnt ihr euch zum Beispiel den dampfigen Geruch nach einem Regenguss ins Gedächtnis rufen? Petrichor. Dieser Name bezeichnet den "an Öl erinnernden Geruch den Regen in Böden und Felsen freisetzt" (Kurierartikel zum Buch "365 Tage Natur"). Mit "offener Nase" durch die Welt zu gehen macht sie noch bunter und hilft sich immer wieder im Moment zu verankern.

 

Für mich nicht auszudenken"duftblind" zu sein! Auch wenn man sich das vielleicht schon in der ein oder anderen Situation gewünscht hätte. Anosmie nennt man diese unsichtbare Erkrankung keinen Geruchssinn mehr zu haben; unter der etwa 5% der Bevölkerung unfall- oder infektionsbedingt leiden. ABER - das finde ich besonders faszinierend - laut neuester Forschungen können Düfte nicht nur über die Nase aufgenommen werdenLaut Prf. DDr. Hanns Hatt in der "Kneipp bewegt"-Ausgabe 06/2016 entdeckte man auch Riechrezeptoren im Gehirn, in Prostatazellen, im Magen-Darmtrakt und in der Haut. Aktiviert man diese "anderen" Riechzellen wäre das gut für Wundheilung und Verdauung. Außerdem soll es möglich sein sogar Krebszellen zu schrumpfen, wenn es gelingt die übermäßig darauf befindlichen Duftrezeptoren(!) mit herumschwirrenden Duftmolekülen anzuregen. 

In der Zeitschrift heißt es weiter, dass der "älteste der Sinne" der bislang noch am wenigsten von der Wissenschaft erforschte war. Auch Divjaks kulturanalytische Abhandlung "Der Geruch der Welt" ist sicher erst der Anfang einer immer intensiver werdenden Hinwendung  zu dem Thema. Möglicherweise weil Düfte eben eher "flüchtige Wesen" sind. Sie bleiben selten länger. Vielleicht macht sie das gerade so faszinierend?!

Woran schnuppert ihr am Liebsten? Welcher Geruch schlägt euch in die Flucht? 

Beim "Kindersonntag" haben wir uns auch durch den Kräutergarten geschnuppert und ein paar der Kräuter mitgenommen. Im Atelier haben wir dann unser eigenes Duft-Potpourrie zusammen gestellt, um gut zu schlafen oder beim Lernen ganz konzentriert zu sein. Die Ingredienzien für das Lern-Duft-Sackerl findet ihr gleich unten als Rezept (entdeckt als "Lern-Ball" im ServusMagazin 07/2016)! Passend auch, weil die Schule und die Unikurse jetzt wieder losgehen. Jetzt lassen sich gerade noch die letzten Sommerkräuter einsammeln und zum Trocknen aufhängen, um auch noch ein wenig den Sommer einzufangen...

Für ein Lern-Duft-Sackerl braucht ihr:

  • Basilikum
  • Eberraute
  • Melisse
  • Minze
  • Rosmarin
  • Thymian
  • Zitronenverbene

Einfach von jeder Kräuter-Sorte etwa gleich viel nehmen, in ein Stoffsackerl stopfen und nach Herzenslust daran schnuppern! 


 

Ps.: Interessiert ihr euch näher für das Thema? Habt ihr weiterführende Literatur? Immer her damit! Oder wollt ihr Literatur-Tipps? Gerne auf Anfrage! :)

 

FOTOCREDITS: 

"Kinderführung" | © Hanna Engelmann 

Lern-Duft-Sackerl unten | © Sophie fuehrt

 

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Kommentare: 6
  • #1

    Leni (Mittwoch, 21 September 2016 22:55)

    Danke, sehr interessant, toll recheechiert. Mein Geruchssinn ist sehr ausgeprägt, der bei den menschlichen Ausdünstungen in den Öffis kein Vorteil ist. Extremen Essenesgeruch verbinde ich immer mit Krankenhaus, da früher im alten Horner Krankenhaus dieser Geruch im ganzen Gebäude verteilt war. Hast du dieses Buch" der Geruch der Welt"? LG Leni

  • #2

    Sophie (Donnerstag, 22 September 2016 10:53)

    Oh! Spannend, danke für deinen Beitrag, Leni! :)) Ja, ich hab das Buch! Soll ich es dir nächstes Mal, wenn wir uns sehen mitnehmen?!?

  • #3

    Melanie (Donnerstag, 22 September 2016 13:51)

    Oja, Gerüche und Erinnerungen - sehr spannendes Thema...ich hatte vor kurzem eine Schulführung anläßlich 20 Jahre Matura und ich sag nur: Turnsaalgarderobenmief, Formaldehydgeruch im Biologiesaal, Chemielabor und Zeichensaal....ganz viele Erinnerungen :-)

  • #4

    Anna (Dienstag, 27 September 2016 18:10)

    Coole idee & super schöne Fotos!

  • #5

    Sophie (Dienstag, 27 September 2016 20:30)

    Ja, das kann ich gut nachvollziehen, liebe Melanie! Die Schule eignet sich wirklich gut als (Geruchs-)Ausflug in die Vergangenheit. :-)

  • #6

    Sophie (Dienstag, 27 September 2016 20:31)

    Danke, liebe Anna! ;-)