Kunstmarmor #1: Stück für Stuck...Stuckmarmor!

Im Monat Juni ging es bei mir, wie bereits hier erwähnt, um die Frage "Stein oder nicht Stein". (Wie die Zeit vergeht!) Ich habe sie für ein Vermittlungsprogramm aufbereitet. 

Dieses Thema ist so umfassend, dass ich nicht wusste, wie ich es hier an dieser Stelle - wie angekündigt Stück für Stuck, aha, Stück für Stück -aufrollen soll: angefangen von echtem Marmor und Gesteinen bis zu Kunstmarmorierungen wie Stuckmarmor, Stucco lustro oder sogar Buchmarmorierungen, wusste ich gar nicht wo ich ansetzen sollte.  

 

Also hab' ich mir die Rosinen herausgepickt...  

 

In diesem Artikel wird eine alte Liebschaft wieder aufgewärmt. Nämlich die mit dem sogenannten Stuckmarmor, der zum Beispiel in den Barockräumen des Stiftes Altenburg in Niederösterreich mit immenser Kraft zu deren Wirkung als "Farbräume" beiträgt.  

Wie manche von euch vielleicht wissen, verbindet mich mit dem Thema Stuckmarmor nämlich deshalb eine besondere, wenn auch nicht immer ganz harmonische Beziehung, weil es mir - wenn der Weg auch steinig war - zum Studienabschluss verholfen hat.

  

Und weil meine Begeisterung in der Beziehung mittlerweile keine Grenzen mehr kennt, gehe ich davon aus, dass alle anderen auch ausnahmslos, unbedingt und überhaupt mehr über das (über-)lebenswichtige Thema "Fake Marmor" wissen wollen. Außerdem hoffe ich ganz unbändig auf eine fruchtbare Diskussion um die Vermittlung des Themas. ;-) Bevor's aber darum geht, zuerst die 8 wichtigsten Fakten über  Stuckmarmor. Los geht's!  

 

1) Ist das echter Marmor? Ist das echter Stein?

Fragt man sich oft vor so manch‘ bunter oder pastellfarbener Säule und schon ist man versucht Hand zum Wärmetest anzulegen: Stuckmarmor wird warm, während echter Marmor unter den Fingern kalt bleibt - so hat man es gelernt. Aber Vorsicht! Die polierte Oberfläche des Stuckmarmors kann durch Kontakt mit der Haut beschädigt werden. 

2) Eine Frage der Definition

Die Bezeichnung "Marmor" beschreibt in der Gesteinskunde in metamorphes Gestein, das durch Umwandlung von Kalkstein und anderen karbonatreichen Gesteinen durch Hitze und Druck entsteht. Bis ins 19. Jahrhundert galten alle zu schleifenden Gesteine als Marmor, weil sie eine gemeinsamen Eigenschaft aufwiesen nämlich, dass die polierte Oberfläche schön glänzt. Im Altgriechischen heißt "marmaros" glänzend. Im Laufe der Zeit hat man unterschiedliche Techniken entwickelt diese glänzenden Steine zu imitieren oder sogar künstlerisch zu übertreffen!

3) Geniale Erfindung!

Die Entwicklung von Kunstmarmorierungen geht bereits auf die Antike zurück. Allgemeinhin gilt die Zeit um 1600 als "Geburtsstunde" der Stuckmarmortechnik aus Knochenleim, Gips, Wasser und Farbpigmenten. (Herstellung siehe unten.) ausgehend von Norditalien oder/und Bayern. 

4) Achtung Verwechslungsgefahr!

Oft wird Stuckmarmor aber mit Stucco lustro verwechselt: Unter Stucco lustro, der im Gegensatz zu Stuckmarmor  auch an Fassaden anwendbar ist (Witterung!), versteht man eine mit dem Fresko verwandte Maltechnik, bei der die Äderungen malerisch auf geglättetem Putz aufgetragen, mit Wachs überzogen und anschließend mit Kellen „gebügelt“ werden. Man kann schon nach ein wenig Übung seinen Blick schärfen und Stucco lustro "wie gemalt" von dem vollvolumigen Stuckmarmor "wie weich geknetet und dann erhärtet" (denkt an Fimo ;-) unterscheiden lernen. ↓

5) Ganz schön modisch!

Auch Stuckmarmor-Design war Moden unterworfen und richtete sich außerdem meist nach dem Belieben der Auftraggeber oder sogar Anweisung der Maler. Der Trend reichte von richtig dunklen Kunstmarmor-Akzenten im hellen Innenraum im 17. Jahrhundert, über rotbraun Töne nach dem Vorbild von "Adneter Marmor"  über bunte, sogar ganz fantasievolle Varianten im 18. Jahrhundert (Hallo Altenburg! Stichwort: Kaiserzimmer, Motto: "mehr Sein als nur Schein"), bis hin zu hellen, pastellfarbenen Modellen, bevor man sich Anfang des 19. Jahrhunderts schon wieder von dem Material abwendete.

6) Mehr Sein als nur Schein

Über das frei künstlerisch gestaltbare Medium Stuckmarmor konnte man auch eine Bedeutung transportieren oder bewusst zur Raumwirkung beitragen. Die Säulen in der Altenburger Bibliothek aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nehmen sich dabei ganz besonders aus. Sie sollen auf das Aussehen von Lapislazuli abzielen. Man hat sogar Messingspähne in die Stuckmarmormasse eingefügt um die Pyritadern des Lapislazuli (die übrigens lange Zeit für echtes Gold gehalten wurden) nachzuahmen. Aber mehr noch! Man hat die freie künstlerische Gestaltung mit Stuckmarmor ausgenützt um weiße Bahnen (beim Lapislazuli Calcit) rhythmisch über die Säulen zu verteilen und hat die vorderen und hinteren Säulen des Raumes heller gestaltet um die Länge des Raumes perspektivisch zu strecken und die Mitte des Kuppelraumes durch 4 Säulenpaare in dunklerem Blau zu betonen. Um nur einen kleinen Überblick zu geben. 

7) Gut zu wissen

Stuckmarmorarbeiten sind weniger bis gar nicht im angloamerikanischen Raum zu finden. Das hat auch klimatische Gründe: je feuchter das Klima, desto weniger kann das Material bestehen. Darum verwendete man bei stark beanspruchten Stellen oder in Bodennähe meist echtes Gestein oder Marmor. Man findet ihn daher auch nie im Außenraum!

8) Psssst! Geheim.

Das Rezept zum Herstellungsprozess von Stuckmarmor wurde geheim gehalten. Warum? Ganz einfach: weil man sich durch Geheimhaltung des genauen Bearbeitungsvorganges vor Konkurrenz schützen und seine eigene künstlerische Handschrift wahren konnte.

Die Abbildung oben stammt vom Vermittlungsprogramm für Kinder bei dem ein Zettel mit den "geheimen" Zutaten hinter einer der gigantischen Säulen der Stiftsbibliothek versteckt liegt und darauf wartet gefunden zu werden. Nach der Suche wird begeistert ausgerufen: "Wow, das ist wirklich schon alt. Es sieht auch so verbrannt aus!" Der älteste Junge der Gruppe schüttelt den Kopf: "Nein, das ist nur auf Alt gemacht - mit dem Feuerzeug." Aha. Aha. 

Herstellung

Bei der Herstellung von Stuckmarmor werden, jetzt einfach gesagt, Knochenleim, Wasser, feiner (Alabaster-)Gips und kalkechte Farbpigmente vermengt, zu Stollen geformt und davon nur ca. 1 cm dünne Scheiben abgeschnitten. Diese werden an Wände, Stein- oder Ziegelsäulen etc. appliziert und dann in ca. 8-9 aufwändigen Arbeitsdurchgängen geschliffen. Wirklich scharf gezogene Adern werden später hineingeritzt und wieder mit einer farbigen (meist weißen oder schwarzen) Masse gefüllt. 

Die Oberfläche wird im Anschluss mit Öl oder im Falle von weißem Stuckmarmor mit (Carnauba-)Wachs überzogen und poliert, um verschiedene Glanzgrade zu erzielen.

Eine detailliertere Anleitung mit Fotos habe ich hier gefunden. Wer's noch genauer wissen will kann hier ein Video, auf Youtube gefunden, dazu anschauen. 


Vermittlung

Ich vergleiche die Technik gerne mit Knetmasse. Um das haptische Moment zu unterstreichen beziehe ich die Vermittlung oft bunte Knetmasse mit ein, sodass sich auch die Vorstellung erhärtet, dass etwas, das so massiv aussieht wie Marmor eigentlich mal weich wie Brotteig war. 

 

Nur sind hierbei über die Zeit ein paar Fragen aufgetaucht...

 

Funktioniert der Konnex zwischen Play-Doh-Knetmasse und Stuckmarmor überhaupt schon bei Kindern zwischen ca. 6 und 10 Jahren?

Oder wird es dann nicht doch für spannender empfunden wird die Knetmasse in der Hand zu formen, sich mit dem Nachbarn um die "bessere" Farbe zu streiten oder sie ins echt-marmorne Weihwasserbecken zu tränken, während die anderen eifrig das Herkunftsland des besagten Beckens aus Laaser Marmor auf der Karte suchen…? 


Verbindet man vor allem in diesem Alter Play-Doh mit etwas anderem und ist ein Einsatz dieses Materials erst später zielführender? Oder tut man besser daran wenn man schon Knetmasse als Hilfsmittel einsetzen möchte, es in andere Gefäße abzufüllen um es eine einfach eine modellierbare Masse sein zu lassen, die unabhängig von der bereits bekannten Marke existiert? 

 

Wie sinnvoll ist es generell ein Material, das nicht dem an den Wänden entspricht, für die Vermittlung einzusetzen? 

Die Frage: "Machen wir das dann auch?" (neben: "Dürfen wir das mit nachhause nehmen?") beim Herzeigen der oben abgebildeten Fotos zeigt nämlich den Wunsch selbst mit dem besagten Material in Berührung zu kommen. Da es jedoch für Kinderhände nicht geeignet und zudem eine aufwändige und zeitintensive Technik ist, die nur wenige beherrschen, ist die Möglichkeit erst gar nicht gegeben. Zumindest nicht in der verfügbaren Zeit und nicht für diese Zielgruppe. Bei einem Workshop für Jugendliche und Erwachsene sieht die Sache schon wieder anders aus...

 

Also doch ein O.K. für die Knetmasse? 

 

Jedenfalls lasse ich auf Vorschlag eines Freundes zwei verschiedene Farben von Knetmasse zusammen mischen um eine MARMORIERUNG entstehen zu lassen, die wir dann mit den Änderungen an den Wänden vergleichen - was zu wunderbaren Beobachtungen führt! Das Zerteilen des entstandenen Konglomerats in kleine Scheiben soll ebenfalls helfen den Herstellungsprozess besser nachvollziehen zu können…


Das Schöne an der Vermittlung vor Ort ist aber natürlich die Beobachtung am Original

 

Mit dem arbeiten, was da ist... also zücke ich eine Lupe und lasse die Kinderaugen durch sie durch auf die verschiedenen Äderungen des Stuckmarmors glupschen.Was kann man erkennen? Welche unterschiedlichen Farben sieht man? Kann man in den unterschiedlichen Linien und Windungen vielleicht auch Gestalten und Figuren erkennen?

Memo an mich selbst:

7:1 ist kein gutes Verhältnis. Reduziere Kinder oder vermehre Lupen. (Ich plädiere für Zweiteres.)

"Ich seh' nix.", ist auch eine Antwort. (Auch wenn sie schwer auszuhalten ist.)

 

Als ich nach dem Rundgang im Atelier frage, was sie sich von unserer Tour gemerkt haben - ich sehe die Kinder noch vor mir wie sie da sitzen in ihren übergroßen Malhemden wie aufgefädelt an dem langen, massiven Holztisch, während das diffuse Licht von oben auf sie hereinfällt - flöten sie vor sich hin: „Die großen Muscheln in der Krypta, Paul Troger den Maler, Stuckmarmor,..." Stuckmarmor. Ich bin im siebten Himmel. 

 

Fotocredits:

 

Stuckmarmor-Herstellung live in der Stiftskirche Altenburg ©sophiefuehrt

Alle restlichen Fotos © Bernadette Führer - Danke!

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Kommentare: 1
  • #1

    Sabine (Donnerstag, 21 Juli 2016 20:06)

    Sophie, jetzt ist mir klar, wofür du neulich eine Lupe gebraucht hast