SICH SEINEN ÄNGSTEN STELLEN UND FARBEN SEHEN...

 

Marokko war für mich ein Land wo andere hinfahren und mich mit ihren Geschichten begeistert zurücklassen. Marokko war für mich in meiner Vorstellung - abgesehen von duftenden Gewürzen und einer fremden Kultur im mystischen Glanz von 1001 Nacht - immer ein Land voller Farben und bunter Muster. Ich meine, wie sollte ich auch nicht so denken bei Städtenamen wie „die Wohlgezeichnete“ oder „die Rote“, vor dem Festland vorgelagerte Purpurinseln, malerischen Tälern und sattgelben Wüstenlandschaften? 

Und man denke nur an die vielen bunt gemusterten Mosaike an Fassaden! Die Musterungen sind als Besonderheit in diesem Kulturkreis  durch das abstrahierende Zergliedern von Naturbildern entstanden, weil die Darstellung von menschlichem und göttlichem Antlitz aus religiösen Motiven verboten war.

Immer wenn ich mit dem Gedanken spielte mir selbst ein Bild zu machen, bäumte sich vor mir die Angst auf wie ein Typ der Schweizer Garde, klopfte mit seiner Hellebarde einmal auf den Boden und schüttelte den Kopf: „Du nicht.“  (bitte fragt mich nicht warum die Angst hier gerade als Personifkation der Schweizer Garde in Erscheinung tritt - aber wenigstens ist sie ein bunter Hund in diesem gestreiften "Pyjama" mit Spitzenkragen). Auch wenn andere scheinbar mit Leichtigkeit von hier nach da fliegen, ihre Geschichten im Nachhinein vor sich hinflöten oder perfekt gefilterte Fotos auf Social Media Plattformen präsentieren, war ich skeptisch: Marokko ist weit weg, zu fremd die Kultur, du kannst die Sprache nicht, fliegen magst du nicht, Krieg herrscht in umliegenden Ländern und allgemein ist die Weltsituation etwas angespannt, bei einer selbst organisierten Reise hast du keine Ahnung wie du von A nach B kommst,...“ Aber ich wollte Farben sehen und mich von der Angst nicht klein kriegen lassen. Also gab diesem Wunsch und der Hartnäckigkeit meines Freundes eine andere Kultur zu entdecken nach und buchte vor einigen Wochen einen Flug, in ein Land dem man scheinbar den Kontrastbalken ein wenig nach oben geschoben hat. Landeanflug auf Marrakesch.  

 

 „Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Erkenntnis, dass etwas wichtiger ist, als Angst.“  Ambrose Redmoon (James Neil Hollingworth) 

 

die weichgezeichnete

Von Marrakesch aus ging es gleich weiter in das Atlantikküstenstädtchen Essaouira, der „Weichgezeichneten“ mit den vorgelagerten Purpurinseln. Statt, wie geplant, mit dem Bus zu fahren fanden wir uns mit einem New Yorker Fotografen, der des marokkanischen Arabisch mächtig war und zwei jungen Iren in einem Grand Taxi wieder. Salāmu ʿalaikum.“  So läuft dieses Reisen also! Die wilde arabische Musik aus den Lautsprechern fungierte gleichsam als Hintergrundfilmmusik für die vorbeiziehende karge Landschaft, die Menschen auf ihren klapprigen Pferdegespannen und Menschen, die Lamme mitten auf offener Straße schlachteten zu Ehren des stattfindenden Opferfestes. Plötzlich wurde es mir bewusst: Wow, wir sind tatsächlich hier!!! In Essaouira angekommen schwirrten kleine blaue Taxis um die dick ummauerte Innenstadt. Unsere gebuchte Unterkunft lag in diesem Stadtkern, der sogenannten Medina (seit 2001 UNESCO-Weltkulturerbe), die wir mit ihren strahlend blauen Türen und bunt gefabelten Fischerbooten am Hafen sofort ins Herz geschlossen haben. In meinen Ohren hallt noch immer das eifrige Hämmern der Fischer an ihren Booten nach. Fischgeruch lag in der Luft und salzige Meerluft blies uns zum Teil heftig ins Gesicht. Unweit vom Hafen konnte man vor Ort saftigen, gegrillten Fisch mit krosser Kruste essen oder wunderbar durch Märkte schlendern. 

das grüne gefäss

Einmal musste ich an einem Marktstand halten, weil ein kleines grünliches Gefäß mein Interesse weckte. Es war neben anderem kleinen Krimskrams aufgestellt  und da ich unbedingt ein Gefäß für meine Pinsel mit nachhause nehmen wollte musste ich es kurz näher betrachten. Nicht lange unentdeckt winkte uns bereits der Verkäufer in sein Geschäft herein.

Er trug sein langes tiefschwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und war eingehüllt in einen lilafarbenen bis zum Boden reichenden Kaftan. Mit seinen Steinringen an seinen dreckigen Fingern hatte er mehr etwas von einem kettenrauchenden Magier, als von einem seriösen Verkäufer wie wir einen kennen. In seinem etwas dubios wirkenden mit lauter kuriosem Zeug vollgestopften Geschäft, habe ich zu meiner eigenen Verblüffung den Preis angeblich „ärger als ein hiesiger Berber“ runtergehandelt, weil ich „das Kamel zum Preis eines Esels“ wollte und konnte nun das Gefäß mein eigen nennen.

Danach wurde uns Tee kredenzt, vermutlich um weitere Verkaufsgespräche zu führen. Nicht diese Geste der Gastfreundschaft ablehnen hatte man uns im Vorfeld empfohlen. Also blieben wir für einen typischen marrokanischen Nana-Minztee von dem mir nach einigen Schlucken plötzlich schwummrig und schwindelig wurde. Ich war stark beunruhigt und mir schossen Bilder von Kidnappen und Ausrauben durch den Kopf. Es wäre ein leichtes gewesen. Wir sollen uns ja nicht kidnappen oder ausrauben lassen hat Mama gesagt. Meinem Freund schien es wunderbar zu ergehen, plauderte weiter mit dem Verkäufer und tat meinen Zustand mit einem Lächeln ab. Frische Luft sollte ich schnappen gehen... Draußen atmete ich nach kurzem herumirren ein paar mal durch. Als wieder zurückkam ging es mir tatsächlich besser, mein Freund war noch da. Er saß immer noch auf demselben Platz und plauderte.

Ich glaube mir war das Teein des traditionell beigefügten Grüntees zu Kopf gestiegen und ist mit einem kleinen Zuckerschock in meinem leeren Magen eine Liaison eingegangen. Unbeschadet zurück, ziert das grüne Gefäß vollgestopft mit Pinseln nun mein Malkästchen. :)

 

haus der farben

Unsere nächste Station führte uns wenige Tage später in das fruchtbare, von Flüssen durchzogene Ourikatal, dem Atlas vorgelagert, wo wir bei einem Künstler und seiner Frau ein paar Nächte bleiben konnten. Wir hatten diese Unterkunft tags zuvor über Airbnb gebucht. Dorthin gelangten wir in einem lokalen Bus, in dem neben uns nur Einheimische Platz nahmen. Unsere Koffer auf den Schößen deponiert, schaukelten und rumpelten wir zu leiser arabischer Musik aus Handylautsprechern die Straße dahin. Draußen wurde es bereits stockdunkle Nacht. Immer wieder wehte der Duft von Minze zu mir herüber. Vor allem von jungen Marokkanern und Marokkannerinnen lächelten uns immer wieder zu. Das faltige Gesicht einer alten Frau in weißem langen Gewand zeugte von vielen Geschichten und beeindruckte mich sehr.
An der Busstation wurden wir von einem freundlich und gutmütig wirkenden älteren Herren, der mich an meinen Opa erinnerte und seiner Frau empfangen, die uns zum Nachtmahl feierlich auftischten. Als sie kurz die Tafel verließen um „vierhändig“, wie der Künstler es selbst betonte, in der Küche feine Gustostückerl zu spielen, drehte sich mein Freund zu mir hin und verkündete: “Ich schieb grad voll Panik“. Das Kredenzen und anschließende Verzehren von einem beinahe gänzlich saftig-blutigem Steak,  das von dicken Mauern umzäunte Grundstück, eine ebenfalls dort untergebrachte komplett esoterisch-abgehobene Schriftstellerin, eine Grube im hinteren Garten, die ultrakleinen, vergitterten Fenster in unserem Zimmer, SOS Trommelzeichen - dreimal kurz, einmal lang - die er am Klo vernommen hatte (wie sich später herausstellte eine das Trommeln einer Hochzeitsfeier in der Nachbarschaft) und ihre ungebrochene Freundlichkeit haben ihn extrem skeptisch gemacht und mich als scheinbares Opfer der Naivität ausgezeichnet. Sein einziger „Trost“ war die frappierende Ähnlichkeit, die er mit ihrem Sohn teilte - sein Aufenthaltsort war dem Künstlerehepaar angeblich unbekannt. Zumindest am Leben würden wir bleiben... Dennoch verbarrikadierten wir die Zimmertüre, die kein Schloss besaß, in der ersten Nacht mit einem Ventilator und einem fahrbaren Heizkörper. Meinem Papa gab ich die Koordinaten durch. Nur zur Sicherheit. 

Schlafmangel gepaart mit im Hinterstübchen verscharrten Erinnerungen an Psychothriller können einen schon mal dezent paranoid werden lassen, denn wie sich herausstellte wollten sie wirklich nur, dass wir uns wohlfühlten und ihr Geld verdienen. Machten sie sich etwa auch ständig Gedanken um gute Kritiken auf AirBnb so wie ich?

Später war unser Gastgeber eine große Hilfe, denn ohne ihn hätten wir die Gegend niemals in  intensiver Form erkunden können. Er bot sich als Fahrer an und die oben erwähnte Schriftstellerin schloss sich, bekleidet mit einem Shirt mit der Aufschrift "Love is the answer", unserem Abenteuertrio als viertes Rad am Wagen an. Eines Tages wurden wir im Atlasgebirge von ungewohntem Starkregen überrascht. In dieser Ausnahmesituation stellte die Schriftstellerin Caren fest: „We’re bonding now“...ich drehte mich mit panischen Körperzuckungen zu meinem Freund; ich hatte nicht ganz verstanden: „Wos hot’s gsogt???“. „Wir kommen uns jetzt näher.“ Na, super. Der gute Künstler war es auch, der uns danach als erfahrener Fahrer wieder heil und sicher über schlitzige und von erdroten Muren überschwemmten Straßen zurückbrachte. Ihm gebührt mein unendlicher Dank für seine Ruhe und seinen Mut auf jenem unwegsamen Gelände. Auch wenn er  verkündete er habe die Ruhe nur, weil er selbst die Augen schloss. Seine Empfehlung: Ich sollte es ihm gleich tun. Und weil ich nämlich - ich!? - so mutig war lud er mich später auf ein Omelette in einer Raststätte ein. Ich fühlte mich stark und sehr erfahren als wir den Berg hinter uns ließen. 

Ein nettes Detail am Rande für mich war, dass sich am Ende unseres Aufenthaltes herausstellte, dass das Künstlerehepaar ihr Haus „Dar a louen“ genannt hatte: „Haus der Farben“. 

 

die rote stadt und das blaue haus

Blick auf die roten Mauern Marrakeschs; davor die Indigo-Planze aus der der strahlend blaue Farbstoff Indigo gewonnen wird.
Blick auf die roten Mauern Marrakeschs; davor die Indigo-Planze aus der der strahlend blaue Farbstoff Indigo gewonnen wird.
Kurz innehalten und an Blumen schnuppern bei den Saadier-Gräbern. ;)
Kurz innehalten und an Blumen schnuppern bei den Saadier-Gräbern. ;)

Die letzten Tage unserer zweiwöchigen Reise verbrachten wir in der Stadt Marrakesch (auch „die Rote“ genannt); in einem Hotel mit Spa. Denn was wäre ein Sophie-Urlaub ohne ein bisschen Wellness und Massagen. :) Und das brauchte man wohl auch nach all den Gerüchten, die wir über die Stadt im Vorfeld hörten: "Laut, überfüllt, aufdringlich,..."

„Good luck in this chaotic city“ flüsterte mir Caren ins Ohr als wir die Straßen der vibrierenden Stadt betraten. In unserem total schönen Hotel, das mir von einem Freund empfohlen wurde, hörte man allerdings nichts von dem Hupen und lauten Treiben des unweit befindlichen großen Platzes Jemaa el Fna, der in der Nacht zum Leben erwacht und mit all den Garbuden zahlreichen Menschen Platz und frisch gegrilltes Essen bot. Ich war sehr aufmerksam und wachsam aber tauchte zugleich tief in das elektrisierte Leben ein, das dort für mich spürbar war wie noch nie zu vor. Immer wieder fing ich ein Lächeln eines Touristen oder Einheimischen ein und fühlte mich sogar manchmal wohl im all dem Gedränge. ;)

Die Marokkaner und Marokkanerinnen habe ich als geschäftstüchtiges (auch vorm Lügen schreckten sie nicht zurück und gaben einem das Gefühl ihnen durch Handeln jegliche Lebensgrundlage zu entziehen), aber sehr gastfreundliches Volk erlebt, das ein wenig unter schwindenden Touristenbesuchen leidet. „Welcome a thousand times“ hörten wir immer wenn wir wo neu ankamen... „Welcome a thousand times.“

Als mein Highlight der letzten Tage galt sicher das blaue Häuschen im Jardin Majorelle im Nord-Westen von Marrakesch, das einst dem Maler Pierre Majorelle gehörte. Auch wenn der Garten selbst meiner Meinung nach nicht aufregend war, beeindruckten mich dafür die FARBEN des Hauses in strahlendem Blau und gelben Fenstern, mintgrünen Bänken und orange- und knallgelben Blumentöpfen! Eine blaue Wand zuhause ist in Planung. ;)


Die Farben stehen für mich metaphorisch dafür sein Leben mutig und kreativ zu gestalten, auch wenn es nicht immer leicht fällt. 

Die Marokko-Reise war sicherlich für mich die größte "Mutprobe" des Jahres 2015. Aber oft sind es kleinere Erlebnisse die für bunte Abwechslung sorgen - es muss nicht immer eine Auslandsreise sein!

 

Auf welche kleinen großen Abenteuer könnt ihr 2015 zurückblicken, die euer Leben bunter gemacht haben?

Auch bei mir wird auf Reisen wie zuhause die Mission im neuen Jahr weitergeführt: Sich seinen Ängsten stellen und Farben sehen...

 

Fotocredits: 

Fast perfekt gefilterte Fotos von sophiefuehrt & lazapic

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Kommentare: 2
  • #1

    Steffi (Mittwoch, 27 Juli 2016 08:22)

    Gigantischer Text - es kommt mir vor als wäre ich selbst während des Lesens in Marokko gewesen :) - weiter so!

  • #2

    Sophie (Donnerstag, 28 Juli 2016 22:34)

    Danke!!!