VON DER ROLLE: EIN SCHAU-SPIEL MIT DER BALANCE   |    BELGIEN

Das mit der Balance ist eine Krux. Ein Drahtseilakt wenn man so will. Der Drahtseilakt als Redewendung beschreibt, wenn der Durchführende eines schwierigen Unterfangens die Balance zwischen zwei Gegensätzen behalten muss. Bei mir ist dieses schwierige Unterfangen das Halten der Balance im Leben an sich. Ich kann aufrecht gehen, keine Frage. Und sogar Rad fahren. Aber es gibt ja mehr zu schaukeln im Leben. Stichwort die berühmte "Work-Life-Balance". Ich muss sagen ich mag diese Unterscheidung nicht besonders, weil arbeiten ist ja auch leben. Gemeint sind auch sonstige Gleichgewichtshaltungen zwischen Kopfarbeit-/Handwerk, Ruhe-/Aktivzeit, Geselligkeit/Für-Sich-Sein,...und so weiter und so fort.

Der "Lebenslauf" wird im gleichnamigen Werk des Künstlers Adi Holzer ebenfalls mit einem Seiltänzer verglichen, der die Balance auf einem Drahtseil zu halten sucht. Das habe ich glücklicherweise bei meinen Recherchen entdeckt. Beim Nachlesen über das Thema wurde mir bewusst: Balance ist in. Die Autoren Volker Kitz und Manuel Tusch behaupten sogar "Balance ist der neue Sex", weil es sich so gut verkauft. 

Außerdem habe ich erfahren, dass es so viele individuelle Wege und Strategien gibt für sich einen Ausgleich zu schaffen. Jeder schreibt also sein eigenes Balance-Drehbuch: Von jungen Müttern auf Blogs las ich gar, dass Balance als solche nicht existiert. Tusch und Kitz sprechen von über 300% die wir täglich geben müssen, weil wir die Balance angeblich auch noch mit über 100% ins Leben integrieren wollen. Hallo Optimierungswahn! Mein ultra-streng-geheimes Lebensstil-Vorbild Super-Model Miranda Kerr hingegen meint 100% reichen quasi eh auch aus. Sie lebe nach der 80/20 Formel. Die Formel des Pareto-Prinzips auf Ernährungsebene sozusagen. Ich hab’s versucht, aber es hat nicht geklappt. Mein Freund sagte ich bin nicht Miranda Kerr (oder beide der Olsen-Zwillinge, aber das ist eine andere Geschichte)... also musste ich schauen, was Balance für mich bedeutet. Ein bevorstehender Urlaub eignet sich natürlich hervorragend um sich in Balance zu üben. Als der Urlaub also vor der Tür stand war ich bereit. Bereit für das Spiel mit der Balance. Vorhang auf!


Um das mit der Balance mal auf andere Art zu erproben bin ich barfuß auf einer Rolle spaziert. Das Foto ganz oben zeigt, dass die Rolle auf einem großen Bogen Papier befestigt war und ich mit meinen bloßen Füßen in einen Teller Farbe gestiegen bin um danach darauf zu balancieren. Was das alles soll?! Die Herausforderung bestand darin, auch mit von der Farbe glitschigen Füßen auf einem dünnen Untergrund die Balance zu halten. Und sollte ich doch mal daneben steigen, dann dann wurde das in schönen Farben sichtbar. Es ist nämlich okay daneben zu steigen. 

Denn wer die Balance zu halten versucht wird oft auch nach rechts oder links tappen, mit den Armen rudern, seinen ganzen Körper von einer zur anderen Seite winden, sich überanstrengen, sich gehen lassen, zu viel Spannung halten, zu wenig Spannung halten, zu nachlässig ungesund essen, zu verbissen gesund essen, Dinge zerdenken, nicht nachdenken, zu viel schlafen, zu wenig schlafen... Liste endlos. Dazu ein kleines Zitat aus Elizabeth Gilberts Buch "Eat, Pray, Love": 

 

 “To loose balance sometimes for love is part of living a balanced life.


Oder wie der Begründer der Achtsamkeitslehre Jon Kabat-Zinn sagt: 


"Gleichgewicht ist nichts Statisches: Du verlierst es immer wieder und gewinnst es zurück"


Erst als ich beim dritten Mal über die Rolle balancierte und aufhörte mir selbst Druck zu machen mit Sätzen wie "du kannst das doch, du machst doch YOGA!!“ und „komm, du schaffst das... JETZT ABER“ konnte ich ohne einen Fuß auf’s Papier zu setzen mit Leichtigkeit drüber spazieren. Was für ein Gefühl!

Von der Probebühne ab ins Leben. Von der Rolle ab in den Urlaub. Nach der Durchführung eines Kinderführungsprogrammes bin ich geradewegs für eine Woche in den Urlaub abgerauscht. Ziel: Brüssel. Für acht(!) Tage. Hier galt’s jetzt also eine Balance zu finden zwischen Relax-Urlaub mit Freunden und Sightseeing-Trip. Der Plan: Urlaub in einer Stadt. Die Herausforderung: Urlaub in einer Stadt.

Fiebrig ohne Fieber im Bett verbringen, Aspirin einwerfen und übergeben ist die nicht besonders motivierende Bilanz der letzten Städteurlaube. Voll von der Rolle, also. Wenig schlafen, feiern, alles sehen wollen und am besten sofort...tja, da hab' mich also im Urlaub übernommen und da half es auch nicht wenn ich mir ständig vorsagte ich sei eh noch jung. Diesmal also sollte alles anders werden - besser werden! 

Schwieriger wird’s natürlich allgemein wenn man mit anderen Leuten unterwegs ist. Schon am zweiten Tag in Belgien machte ich schlapp und zweifelte kläglich an meiner Fähigkeit die Balance zwischen Anstrengung und Spaß und Entspannung zu halten! Am dritten Tag machte ich frustriert Notizen in mein Buch. Dabei wollte ich doch im belgischen Brüssel balancetechnisch brillieren und im Blogbeitrag darüber berichten! Ha! 

Aber noch am selben Abend kochte ich in der Küche unseres Apartments und plötzlich schien sich alles in und um mich zu ordnen. Wie kam’s? Ich überlegte kurz - Erdung! Kochen erdet mich. Was die Erdung wiederum mit der Balance zu tun hat war mir aus dem Yoga bekannt. Im Vorfeld hab ich mich bei meiner guten Freundin und Yoga Lehrerin Anna informiert, welche Dinge ihr zur Balance einfallen und in dem Moment schoss mir Folgendes ein: 

 

„(...)eine starke Basis ist eben die Basis für Kraft und Stabilität, die man für die Gleichgewichtsübungen braucht. Und ganz generell hilft es immer für´s Gleichgewicht (emotional, körperlich, geistig...), wenn man gut geerdet ist.“

 

Danke Anna! :) Über Yoga und Balance könnte man auch viele Seiten füllen. Ein Beispiel hier


Danach konnte ich jedenfalls sensibler darauf reagieren, was ich brauchte. Wichtiger Indikator: Der Spaßbarometer. Wenn Spaß in der Luft liegt, kann's nicht so falsch sein! Und trotz kleiner und großer „Tapser“ über die körperlichen Grenzen oder in viel zu viele Schokogeschäfte war es ein gelungener Urlaub ohne bisher bekannte Zwischenfälle. Juhu! 

Nachdem der Rhythmus gefunden war, sah unser Aufenthalt in etwa so aus: 

Während intensivem Stöbern auf zahlreichen Flohmärkten (diesen Artikel aus der ZEIT bewahrte ich schon seit einem Jahr auf), stärkten wir uns zwischendurch mit einer Pizza in der in der Pizzeria "Easy Tempo" (Urlaubs-Motto à la carte). Nach Sightseeing-Touren kehrten wir immer wieder in unsere zentral gelegene Unterkunft über der Galerie Don Verboven zurück um kurz durchzuschnaufen oder abends dort auch zu kochen. Abwechselnd verbrachten wir unsere Abende bei unseren Freunden, um dort köstliche Nachtmahle und Bier(!!!) kredenzt zu bekommen. Nach dem Besuch von Museen verarbeiteten wir Eindrücke bei einer Waffel im "Mokafé" in den Galeries Saint Hubert (den Tipp hatten wir von der genialen Use-It-Map). Da wir ja eine Woche Zeit hatten und in Belgien alles so nah ist besuchten wir am Wochenende Gent, Brügge und die Nordsee. Zum Ausgleich bestand ich dann auf einen entspannten Samstagnachmittag in einem Spa.

Wichtig: Beim Balance-Training - und generell - nicht von einem Fahrzeug rammen lassen. 

 

Wie gelingt Euch das mit der Balance? Ist das überhaupt ein Thema? Oder wird zu viel Theater darum gemacht? 


Wollt ihr euch auch im Spiel mit der Balance erproben? Für ein Balance-Bild braucht ihr: 

  •  Einen großen, starken Papierbogen
  •  Gouache-Farbe
  •  Wasser
  •  eine Kartonrolle oder einen alten Besenstiel
  •  Klebeband zum Befestigen der Rolle 

  

Auch wichtig: Seid nicht so streng mit euch, wenn’s mit der Balance mal nicht so klappt. Daraus entstehen oft spannende Werke! Die besten Stücke schreibt ohnehin das Leben, um ein bisschen theatralisch zu bleiben. :)

 

Quellenangabe: 

  • Volker Kitz/Manuel Tusch, Ich will so werden, wie ich bin: Für Selberleber, S.111-114.

Fotocredits:

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Steffi (Mittwoch, 27 Juli 2016 08:54)

    "weil arbeiten ist ja auch leben" .... sehr wertvoller Gedankenanstoß für mich als "Personalerin" zum Thema "Work-Life-Balance" .... einfach nur WOW - da muss ich noch einmal drüber nachdenken!